100 wechselvolle Jahre:

Zur Geschichte des Rheinbades in der Breite

Alfred Ziltener


Im Jahr 1998 feierte das historische Rheinbad in der Breite seinen 100. Geburtstag. Ein solches Jubiläum ist nicht selbstverständlich - und schon gar nicht für das «Breiti-Badhysli», das mehrfach vom Abbruch bedroht war, wie der Blick auf seine bewegte Geschichte zeigt.

1898 war der Kern der Badeanlage als viertes Rheinbad der Stadt eröffnet worden. Der Bau ergänzte das bereits bestehende Angebot - die beiden Bäder unter der Pfalz und jenes im St. Johann Quartier - entsprechend der Bevölkerungszunahme und der geographischen Ausbreitung der Stadt. Das Breite-Quartier war ein neuer Stadtteil, der sich seit dem Abriss der alten Stadtmauer 1859 erst richtig zu entwickeln begann. - Seinerzeit herrschten allerdings andere Badesitten als heute. Das neue Gebäude war nicht Ausgangs-oder Landepunkt für Schwimm-Ausflüge im Rhein; gebadet wurde weitgehend innerhalb der Anlage, unter Aufsicht, geschützt vor den zudringlichen Blicken Unbefugter. Dem entsprach auch die damalige Architektur: Rund um den Steg über dem Wasser reihten sich die Umkleidekabinen aneinander und machten das Badhysli zum geschlossenen Raum. Ein Sonnensegel schützte bei Bedarf die Haut - noble Blässe galt damals als Schönheitsideal. Zudem konnte die Höhe des Holzbodens im Bad je nach Wasserstand verändert werden, sodass auch NichtschwimmerInnen - das Schwimmen war längst nicht so verbreitet wie heute - ihren Spass haben konnten. Und selbstverständlich blieben die Geschlechter getrennt; man hatte sich an die Einteilung in «Frauentage» und «Männertage» zu halten. Die Freude am Baden war schon damals gross - so gross, dass die Anlage 1929 vergrössert werden musste. Man verbreiterte sie auf beiden Seiten und erweiterte sie zur Böschung hin.


«Wie die Sardinen in der Büchse»

Doch das war offenbar nicht genug: Im September 1936 las man im Feuilleton-Teil der «Basler Nachrichten»: «Im Badhaus an der Breite löst wieder derbe Prosa die traumhafte Freude des Stromschwimmens ab. Die Sonnenlustigen, die nach dem Bade Siesta halten wollen, liegen wie die Sardinen in der Büchse. "Man sollte in der Zeitung den Wunsch nach einer Verbreiterung der obern Terrasse einrücken; der Staat braucht nicht alles an die Chlorglungge im Eglisee zu wenden!" meint im Vorbeigehen ein Stammgast. Hier steht der Wunsch zuhanden der zuständigen Behörden - er ist berechtigt.» Die angesprochenen Behörden nahmen die Anregung im folgenden Jahr auf. Der «Verwalter der öffentlichen Bad- und Waschanstalten» bestätigte im Herbst 1937 in einem Schreiben an den Vorsteher des Sanitätsdepartements die Notwendigkeit einer solchen Erweiterung, verwies aber auch darauf, dass damit die Aufsicht über die Schwimmenden verunmöglicht würde. Konsequenz: «Die Einstellung einer ständigen Wache wird nicht zu umgehen sein». Anschaulich schildert er, warum: «Es ist die gefährlichste Strecke zwischen der Eisenbahnbrücke und unserem bewachten Badeplatz unterhalb der "Breite". Der Wirbel unterhalb des Rechens und die sogenannten Grundwellen (das wieder aufsteigende Wasser der Wirbel) sind sogar für sichere Schwimmer, die mit den lokalen Verhältnissen nicht ganz vertraut sind, und je nach dem Wasserstand gefährlich. Um sich der Gefahrenzone zu entziehen, müssen die Schwimmer in den Strom hinausschwimmen und ja nicht gegen die Längsseite der Anstalt. Wer es aber mit der Angst zu tun bekommt und auf einige Meter Distanz Eisenkonstruktionen und Ketten sieht, versucht natürlich diese zu erreichen und schwimmt somit in die Zone grösserer Gefahr anstatt sich zu retten.»

Nach dem Bau des Kraftwerks Birsfelden hat sich der Rhein deutlich beruhigt.

Schon 1937 war die Gewässerverschmutzung ein Problem, wie dem selben Schreiben zu entnehmen ist. Schuld ist die Schiffswerft an der Eisenbahnbrücke: «Die Schiffsleute streichen dort ihre Boote mit Teer an, reinigen Motore etc. etc.; es lässt sich dabei nicht vermeiden, dass Teer und Öl ins Wasser fällt und diese schmierige Schicht schwimmt auf der Wasseroberfläche in die Breite! (...) Zu verschiedenen Malen mussten Badegäste durch unser Personal mit Benzin abgewaschen werden.»
Die erwähnte Verbreiterung ist meines Wissens nicht realisiert worden. - Dafür wurde 1946 der bewachte und mit Schwimmbalken markierte Badeplatz ausserhalb des Gebäudes rheinabwärts auf 120 Meter vergrössert, vor allem auf Wunsch der Schulen, welche dort ihren Schwimmunterricht durchführten, nachdem wegen Unfallgefahr das Schwimmen im Klasssenverband im offenen Gewässer verboten worden war.

Für die Verpflegung der Badegäste war seit 1936 der Bäckermeister Karl Höhn zuständig, dessen Laden sich an der Zürcherstrasse befand. Gegen einen jährlichen Pachtzins von 1200 Franken - Höhn hatte zunächst 1000 geboten - durfte er am Verkaufsstand neben der Kasse «Backwaren, Obst, Süssigkeiten und alkoholfreie Getränke» abgeben. Ältere Besucher erinnern sich noch an Paula Thomen, welche diesen Stand führte. Der Pachtvertrag mit Karl Höhn wurde 1952 gekündigt.


Das Rheinbad in die Altstoffsammlung?

1961: Dreissig Jahre später hat das Baden im Rhein an Popularität verloren - auch wegen der zunehmenden Gewässerverschmutzung. Zudem sind mit den Gartenbädern - 1930 wurde das Gartenbad Eglisee eröffnet, 1955 jenes in St. Jakob - vielbesuchte Alternativen entstanden. Daher lässt der Kanton im Jahr 1961 die beiden Pfalzbadhysli abreissen und vertröstet die protestierenden BenützerInnen mit dem Verweis auf die zwei anderen Rheinbäder.

In den folgenden Jahren wird das Rheinbad St. Johann gründlich saniert; der Bau in der Breite hingegen bleibt sich selbst überlassen - und wird für viele zum Ärgernis. Am 14. Juli 1963 stellt die damalige «Basler Woche» - die mit der heutigen Wochenzeitung dieses Namens nicht identisch ist - in ihrer Rubrik «Finden Sie nicht?» die Frage:

«... dass die sogenannte Badanstalt Breite der Altstoffsammlung übergeben werden könnte?»

In einer Stellungnahme zu dieser Polemik zuhanden des Vorstehers des Sanitätsdepartements stellt die «Verwaltung der Bad- & Waschanstalten» am 28. August 1963 allerdings fest, dass sich Räumlichkeiten und Liegeflächen «in sehr gutem Zustand» befinden - fügt jedoch hinzu: «Was die Eisenkonstruktion anbetrifft, so kann man sich über deren Ästhetik schon seit Jahren streiten.

Ein Teil des Unterbaues ist verrostet und muss verstärkt werden.»

Und ergänzt mit Hinblick auf inzwischen längst ad acta gelegte Pläne der Nachbargemeinde:

«So oder so glauben wir aber, dass es richtig ist, wenn die Badanstalt so lange noch erhalten wird, bis am Birskopf klare Verhältnisse herrschen, d.h. bis Birsfelden das geplante Gartenbad erstellt hat und sich dann die Bedürfnisfrage für eine Freibadanlage am Basler Birskopf richtig beantworten lässt.»

1973 beschliesst die Regierung, das Rheinbad Breite abzubrechen. Doch die BenützerInnen - unter der Führung von Grossrat Andreas «Aisse» Christ - wehren sich. Und mit Erfolg: Der Kanton überlässt die Anlage dem von den Badegästen gegründeten «Verein Rheinbad Breite» in Pacht.

Wurden die RheinschwimmerInnen in jenen Jahren noch als harmlose Spinner belächelt, so hat sich in den Achtziger Jahren das Bild gewandelt. Dank der gestiegenen Wasserqualität hat sich das Rheinschwimmen wieder zu einem regelrechten Volkssport entwickelt. Allein am alljährlichen Rheinschwimmen der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft nehmen jeweils Hunderte von BaslerInnen teil. Im Rheinbad Breite ist an sonnigen Wochenenden kaum mehr ein freier Liegeplatz zu finden.
Ausgerechnet jetzt aber rächt sich die jahrelange Vernachlässigung durch den Eigentümer, den Kanton. 1968 droht die Baupolizei, das Haus wegen Baufälligkeit zu schliessen. Tatsächlich sind die Eisenpfeiler stellenweise durchgerostet, der rheinaufwärts gelegene Liegebereich ist unterspült. In den folgenden Jahren kann der Badebetrieb nur noch in einem kleinen Teil des Bades stattfinden; die baufälligen Flächen werden aus Sicherheitsgründen gesperrt.


Kampf um den «Lattenzaun»

1988 schreibt das Baudepartement einen «Projektwettbewerb für die Sanierung resp. den Neubau des Rheinbades auf der Breite» aus. Den 1. Preis erhält das Projekt «Lattenzaun» von Matthias Oppliger und Andreas Scheiwiller. Es sieht vor, das Bad auf die ursprüngliche Grösse von 1898 zu redimensionieren und die historische Bausubstanz modernen Bedürfnissen anzupassen. Die Jury bemerkt dazu:
«...Der Vorschlag besticht durch die überzeugende Selbstverständlichkeit, mit der das bestehende Bad im wesentlichen erhalten und mit gekonnten Eingriffen aufgewertet wird. Er weist von allen Projekten den stärksten Bezug zum vertrauten, quartierverbundenen Ort auf. Der Charakter einer bescheidenen Anstalt findet in den gewohnten Formen Bestätigung. Das Projekt sieht den Abbruch der strassenseitigen Erweiterung von 1929 vor. Durch die regelmässig unterbrochene Abfolge vorspringender Garderobekabinen wird ein neuer Abschluss geschaffen, der einen gefilterten Ein- und Durchblick gestattet. Die Badeanstalt wird optisch vom St. Alban-Rheinweg abgesetzt und gleichzeitig durch das repetitive Element der Garderobekabinen mit der gefestigten Uferpartie verzahnt und eine spannungsvolle, räumliche Transparenz erreicht, die auch den Bermenweg - besonders durch den Lichteinfall - aufwertet.»

Inzwischen hat sich aber die Finanzlage des Kantons dramatisch verschlechtert, und die Regierung weist das Projekt aus Kostengründen - veranschlagt werden 4 Mio. Franken - zurück, ebenso eine zweite, rund 2,5 Mio. teure, reduzierte Variante. Am 12. Februar 1991 beschliesst der Regierungsrat den ersatzlosen Abbruch der Anlage.

Wiederum sind es zunächst die BenützerInnen, die sich wehren. Ihr «Komitee Pro Rheinbad Breite» lanciert im Juli 1991 eine Petition, welche die Erhaltung und Sanierung des Badhysli verlangt. Der Erfolg ist erstaunlich: Anfang November können der Präsidentin der Petitionskommission des Grossen Rates 10 237 Unterschriften übergeben werden; am 11. Dezember 1991 wird die Petition vom Grossen Rat mit nur zwei Gegenstimmen an die Regierung überwiesen.-

Unterstützung kommt auch von privater Seite: Den Anfang macht die Sophie und Karl Binding Stiftung mit einer grosszügigen Zuwendung. Eine erhebliche Summe stellt auch die E.E. Zunft zu Rebleuten zur Verfügung. Hinzu kommen die vielen kleineren und grösseren Beträge zahlreicher SpenderInnen nicht nur aus Basel, sondern aus der ganzen Region. Wichtig ist, dass sich auch die junge Generation für das alte Bad einsetzt: Am 18. September 1992 treten vier Rockbands der Region - "The Bash", "No Comment", "Never’n’again" und die "Cellar Fellars" - im Jugendhaus Sommercasino beim Konzert «Rock firs Rhybad» auf.

Auch an der Fasnacht wird das «Rhybeli» zum Thema. So erinnert sich der Zeedeldichter der «Glaibasler Setzlig» unter mit dem Sujet «Rhybadhysli- Rostalgie» wehmütig an vergangene Zeiten:

«s Rhybeli isch allen offe,
dert het me ’s halb Quartier atroffe.
Mir Buebe fyhlen ys dert rych,
das isch unser Keenigrych.
D’ Uffzgi hämmer sowieso
Vo de Dumme mache lo
Abb an Rhy, was gisch, was hesch,
ins Käschtli keysch di bitzly Wesch
und denn en Àrschli zmitts in Bach
das spritzt so scheen und macht e Grach
bis die alte Wyber fauche,
no muesch dyskreet uf d Syte tauche»

prophezeit der Anlage aber ein böses Schicksal:

«Der Kanton Basel isch bankrott,
jetz mien mer läbe mit däm Schrott.
Me losst der Roscht drum Wyter gnage,
bis d’ Wälle d’ Badi wyter trage.»

Glücklicherweise täuscht sich der Poet: Entscheidend dafür ist das Engagement von GGG und Christoph Merian Stiftung. Letztere ist bereit, im Rahmen eines Projekts zur Sanierung der Rheinufer einen beträchtlichen Teil der Renovierungskosten sowie die Bautreuhandschaft zu übernehmen. Nachdem so die Finanzierung sichergestellt ist, gibt die - inzwischen neu zusammengesetzte - Regierung grünes Licht für das Modell «Lattenzaun III»: Für 1,7 Mio. Franken soll knapp die Hälfte der bestehenden Anlage erhalten werden. Damit ist die heutige Badeanlage deutlich kleiner als die von 1898. Einen wesentlichen Beitrag zur Kostenreduktion leisten die beteiligten Gewerbe-Betriebe, indem sie Lehrlinge gezielt am Bau ausbilden.

Insgesamt kann die geglückte Renovation des Rheinbades Breite als Musterbeispiel für das Zusammenwirken Privater im Interesse der Öffentlichkeit gewertet werden. Die architektonische Lösung durch Andreas Scheiwiller und Matthias Oppliger hat inzwischen weitherum Beachtung gefunden und ist mehrfach ausgezeichnet worden. Sie haben aus dem Bad ein Bijou gemacht, das all jenen offensteht, welche im Wasser und an der Sonne Erholung suchen.


(Der vorliegende Artikel ist zuerst im Basler Stadtbuch 1994 erschienen und wird hier mit der freundlichen Erlaubnis des CMS-Verlags in überarbeiteter und stark erweiterter Form veröffentlicht.)
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